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Uraufführung: Musical SWING STREET im Stadttheater Fürth

Endlich Theater! Endlich Musical! Nach monatelanger Kultur-Abstinenz frönte ich am Wochenende wieder dem Kunstgenuss. Anlass des Vergnügens: Die Uraufführung des Musicals SWING STREET, das vergangenen Freitag im Stadttheater Fürth seine Premiere feierte. Bis zum 31. Oktober ist das Stück von Thilo Wolf und Ewald Arenz über die legendäre New Yorker Jazz-Meile dort zu sehen. Die Zeitreise lohnt sich.

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SWING STREET – eine gelungene Uraufführung © Stadttheater Fürth

Märchenhafte Paartherapie zwischen zwei Welten

Als ich die Handlung des Musicals überflog, musste ich zunächst an Woody Allens Midnight in Paris denken. Während der Vorstellung zeigten sich aber nur wenige Parallelen zur Filmkomödie mit Owen Wilson. Stattdessen erinnerten mich die Ensemble-Choreografien mit rund 20 Künstlern an ein Cole-Porter-Musical. Nun, Vergleiche hin oder her. Mit SWING STREET brachten Thilo Wolf (Idee, Musik) und Ewald Arenz (Buch, Songtexte) ein Baby zur Musicalwelt, das etwas Besonderes ist.

Zugegeben: Wer die teils schmutzige Realität der Speakeasies der 30er-Jahre erwartet, wird womöglich enttäuscht sein. Über Andeutungen geht das Musical hier nicht hinaus. Vielmehr wird die Faszination, welche die Musik und das Flair der Flüsterkneipen des Big Apple ausstrahlen, in den Vordergrund gestellt. Sie dient als Rahmen der eigentlichen Lovestory und Beziehungsfrage, die sich während des Stücks stellt. Natürlich wird auch diese „weichgespült“ beantwortet. Und das geht völlig in Ordnung. Wer sich auf das Musical einlässt, wird nicht enttäuscht werden. Ganz im Gegenteil.

Männerversprechen und „was Frauen wollen“

Kaum hat sich der Vorhang gehoben, taucht das Ensemble aus den Tiefen des Stadttheaters auf. In welches Jahrzehnt uns das Musical führen wird, zeigen bereits jetzt die bezaubernden Swing Sisters (Lydia Schiller, Rosa Kremp, Melissa Muther). Das Trio „begleitet“ das Protagonisten-Paar und erscheint regelmäßig. Auf sämtliches Vorgeplänkel wird verzichtet, weshalb die Hauptcharaktere nicht lange auf sich warten lassen. Hochmotiviert und voller Energie platzen die zwei Verliebten in das bunte Treiben am JFK Airport. Schließlich wartet ein neues Leben auf den jungen Banker Mike (Friedrich Rau) und seine Partnerin. Anna (Karolin Konert) träumt davon, als DJane die Clubs der Stadt zu erobern. Doch wie es so ist im Leben: Die Realität holt uns alle früher oder später ein.

Während sich Mike der neuen Welt anpasst und zum Workaholic entwickelt, verzweifelt Anna. Eine erfolglose Jobsuche und die Hektik in der amerikanischen Metropole machen der selbstbewussten Frau zu schaffen. Dass ihr Herzallerliebster so gar keine Zeit mehr für sie hat, verstärkt ihren Frust. Statt einem „Singing in the rain“ steht die Arme im Regen. Als sie eines Abends wieder einsam durch New Yorks Straßen schlendert, entdeckt sie ein Schallplattengeschäft. Zunächst im Clinch mit der resoluten Ladenbesitzerin, die sich als Jazz-Diva Doris Porter entpuppt, freundet sich Anna mit ihr an. Das Thema „Männer und Sex“ verbindet Frauen eben. Nicht wahr?

© Stadttheater Fürth

Die Konversation zwischen Anna und der älteren Doris (hervorragend gespielt von Bettina Meske) amüsiert. Der Vergleich des „starken“ Geschlechts mit der Seife auf einer Herrentoilette ist brillant. Wieso ich dabei an meinen Ex-Freund denke, spielt an dieser Stelle keine Rolle. Nicht nur den Herren der Schöpfung wird verbal der Spiegel vorgehalten. Auch die Damen müssen der Wahrheit ins Gesicht sehen, wenn Mike und sein Buddy Tom (Simon Tobias Hauser) ihrem Unverständnis freien Lauf lassen. Dass man(n) es Frau nie wirklich recht machen kann – ja, so ganz Unrecht haben die beiden damit nicht. Als Anna ihren Koffer packt und den Liebsten verlässt, wird diesem dennoch klar, was er für sie empfindet. Während Mike sich melancholisch fragt: „Wo ist die Frau, die ich liebte? Wo ist der Mann, der ich war?“, ist die Gute bereits auf dem Weg zum Record Store und „The famous door“. Abend für Abend steigt die junge Frau in die „Zeitmaschine“ und flüchtet ins Zeitalter des Jazz und der Prohibition. Das bleibt nicht ohne Folgen. Eines Nachts muss sie sich schließlich entscheiden. Hätte Anna ihren Schatz während seines Unplugged-Blues erlebt, wäre beiden das Drama womöglich erspart geblieben. Traurige Männer, die Gitarre spielen, öffnen nämlich so manches Frauenherz. Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Charmanter Spagat zwischen damals und heute

SWING STREET schafft es, die Gegenwart mit der Vergangenheit zu vereinen. Visuell und musikalisch. Alleine das Bühnenbild nimmt die Anwesenden mit auf die (Zeit-)Reise nach Übersee. Detailverliebte Projektionen, Kulissen und Requisiten entführen die Zuschauer in ein buntes und „fast“ corona-freies New York. Der Orchestergraben wurde zur auf- und abfahrenden Vorbühne umfunktioniert, was das Publikum noch näher ans Geschehen rücken lässt.

Die Thilo Wolf Big Band – alias The Wolf Packs – zeigt, wie zeitlos Jazz ist. Die musikalischen Battles verbinden das aktuelle Jahrtausend mit dem Sound der Thirties. Wie Kalorienjunkie Tom mit seiner Rap-Einlage den s(w)ingenden „Drachen“ Doris zähmt, ist einmalig. Das Lebensgefühl der 52nd Street springt auf die Zuschauer über. Der Applaus macht dies deutlich. Als die Jazz-Diva mit Tänzer Pete (Niklas Schurz) durch den 30er-Jahre-Club steppt, konnte ich meine Füße kaum noch stillhalten. Die Choreografie von Gaines Hall und Melanie Oster erwacht zum Leben. Die kleineren Rollen des Ensembles sowie der Studierenden der Theaterakademie August Everding werden mit Herzblut umgesetzt. Die Chemie zwischen den Darstellerinnen und Darstellern stimmt. Gesanglich gibt es nichts auszusetzen. Alle Mitwirkenden überzeugen.

Das Fürther Musical unterhält mit Charme. Die fehlende Pause aufgrund der aktuellen Situation fiel daher auch nur geringfügig ins Gewicht. Die kurzweilige Darbietung überspielte kleine Längen problemlos. Wer sich aufgrund des Stücks nun näher mit deutsches Philosophen befassen möchte, sollte sich aber besser nicht an Tom halten. Dann doch lieber einen „Green Symphony Smoothie“ mixen oder ein kühles Corona aus dem Kühlschrank genießen.

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Kategorie: Kritiken, Stadttheater

Tags: Fürth

Autor: B. Schlager (22.10.2020)

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