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CABARET im TIPI am Kanzleramt: Gelungene Reise ins Berlin der 1920er

„Willkommen, bienvenue, welcome!“ In Berlin hat am 20. Juni 2015 der legendäre Kit Kat Klub wiedereröffnet. Das TIPI am Kanzleramt hatte zur Wiederaufnahme-Premiere des Musicals CABARET geladen. Mit dabei sein durften auf 50 Twitterer, Blogger und Live-Kritiker für den Tweetup von livekritik.de. Auch Musical1.de hat sich mitnehmen lassen ins Berlin der ausgehenden 1920er.

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Cabaret Schlussapplaus
Cabaret Schlussapplaus © Gerdesmeier/ Musical1.de

Livekritik aus dem Theaterzelt

Kritik live aus dem Theatersaal, noch während der Vorstellung: Das ist das Konzept von livekritik.de. Musical1 durfte schon beim Tweetup zu ELISABETH in Essen zu Gast sein. Die Wiederaufnahme von CABARET im TIPI am Kanzleramt ließen wir uns natürlich ebenfalls nicht entgehen. Viele 50 Twitterer und Blogger schrieben schon während der Aufführung fleißig ihre Eindrücke auf, andere erstellen nach der Vorstellung eine Kritik der Inszenierung. Auf Twitter, Facebook und Instagram sind Bewertungen, Fotos und vieles mehr unter dem Hashtag #TIPIcabaret zu finden.

Es war ein Theaterbesuch unter leicht erschwerten Bedingungen: Zeitgleich zum Musical fand vor dem Brandenburger Tor nämlich ein großes Live-Konzert zum Weltflüchtlingstag statt. Unter anderem trat die Band Kraftclub auf – und war bis in die TIPI-Version des Kit Kat Klubs zu hören. Die Botschaft gegen Rassismus passte zwar zum Motto von CABARET – “Warum kann man in dieser Welt nicht leben und leben lassen?” – und die Zuschauer auf den vorderen Plätzen und die Darsteller auf der Bühne werden von der Beschallung vermutlich nicht viel mitbekommen haben. Auf den hinteren Stuhlreihen fiel es allerdings zeitweise etwas schwer, über die Musik von außen hinweg das fantastische Orchester des TIPI am Kanzleramt zu hören. Aber dafür können natürlich weder die Akteure auf noch hinter der Bühne etwas. Im zweiten Akt war es dann draußen ruhig und auch wir in den hinteren Reihen konnten CABARET genießen.

Und ein Genuss war die Inszenierung von Vincent Paterson tatsächlich. Sexy und rotzig, lasziv und frivol und ab und an ein wenig ordinär: Das ist das stilechte Flair der Berliner 1920er Jahre.

CABARET: Berlin – das Ende einer Ära

1966 schrieben John Kander und Fred Ebb ihr Musical CABARET. Es basiert auf dem Schauspiel „Ich bin eine Kamera“ von John van Druten, das sich wiederum autobiographische Erzählungen des amerikanisch-britischen Schriftstellers Christopher Isherwood zum Vorbild nimmt. Isherwood reiste in den 1920er Jahren selbst nach Berlin – und erlebte dort eine Welt, die er so bisher nicht kannte: Die wilden 20er waren in Berlin tatsächlich wild. Die Stadt war vor der Machtergreifung der Nazis eine offenherzige und freizügige Metropole, das öffentliche Ausleben von Homosexualität wurde von den Behörden weitestgehend toleriert, es gab zahlreiche einschlägige Lokale und Gaststätten, Stricherlokale und Trasvestie-Shows. Zu Beginn der 1930er Jahre zog Isherwood an den Nollendorfplatz, Berlins damaliges schwul-lesbisches Zentrum. Und dort findet auch Clifford Bradshaw, der amerikanische Schriftsteller aus CABARET, ein Zimmer in der Pension von Fräulein Schneider.

Cabaret livekritik.de

© Gerdesmeier/ Musical1.de

Keine andere Stadt eignet sich also besser als Aufführungsort für CABARET als Berlin. Die Inszenierung des Madonna-Choreografen Vincent Paterson feierte zur Wiederaufnahme-Premiere schon in ihren 11. Geburtstag in der Hauptstadt, mehr als 250.000 Menschen haben das Musical bereits gesehen. Zunächst war das Musical in der Bar jeder Vernunft zu sehen, dann wechselte der Kit Kat Klub ans TIPI am Kanzleramt.

Es ist das Jahr 1929, kurz vor Silvester. Cliff Bradshaw (Guido Kleinedamm) reist nach Berlin, um dort an einem Roman zu arbeiten. Im Zug trifft er auf Ernst Ludwig (Torsten Stoll). Der verschafft dem abgebrannten Schriftsteller ein Zimmer in der Pension von Fräulein Schneider (Regina Lemnitz). Angekommen in Berlin, besucht Cliff am Silvesterabend den legendären Kit Kat Klub, wo leicht bekleidete Mädchen die Gäste amüsieren. Star des Clubs ist die Engländerin Sally Bowles (Sophie Berner). Cliff und Sally verlieben sich ineinander. Auch Fräulein Schneider scheint im jüdischen Obsthändler Herrn Schultz ihr Glück zu finden. Doch „ein Sturm zieht auf“, wie es im Song “Der morgige Tag ist mein” heißt: Die Nationalsozialisten gewinnen an Einfluss, das politische Klima in Berlin verändert sich. Mit der Freizügigkeit und Freiheit wird es bald vorbei sein – eine Veränderung, die selbst die Liebe nicht aufhalten kann.

Frivole Unterhaltung im Stil der wilden 20er

Das Ensemble im TIPI am Kanzleramt zeigt eine überzeugende Gesamtleistung. Die Darsteller spielen ihre Parts scheinbar anstrengungslos. Man spürt: Das Team ist routiniert und eingespielt, geht aber nach wie vor in seinen Rollen auf. Die Kit Kat Girls bieten frivole Unterhaltung ganz im Stile der wilden 20er Jahre. Einige Zuschauer dürfen im Laufe des Abends noch genauer Bekanntschaft mit den Damen machen – denn im Kit Kat Klub ist der Zuschauerraum Teil der Inszenierung. Die Girls Mausi, Lulu und Helga sowie Mogens Eggemann als Kit Kat Frenchie geben sich gut gelaunt und sexy, die Choreografien von Vincent Paterson sitzen und haben Schwung.

Cabaret Sally

© Gerdesmeier/ Musical1.de

Vor allem Sophie Berner als Sally Bowles nimmt das Publikum mit ihrer Darstellung gefangen: Stark, erotisch und selbstbestimmt tritt sie auf, nach und nach wird aber auch ihre verletzliche, unsichere Seite sichtbar. Ob sie zu Beginn „ Mama darf’s nicht wissen“ schmettert, Cliff am Telefon verführt oder „Life is a Cabaret“ intoniert: Berners Stimme ist kraftvoll und eingängig und trägt, obwohl Sally Engländerin ist, eine ganze Menge Berliner Eigensinn in sich. Ebenfalls begeistert Oliver Urbanski als Conférencier, der im schicken Glitzermantel genauso wie Charisma und androgynen Sex-Appeal ausstrahlt wie mit freiem Oberkörper. Auch stimmlich meistert er seinen Part perfekt. Als Zeremonienmeister im Kit Kat Klub hat er das Publikum fest im Griff.

Wenn die Liebe doch nicht siegt

Cabaret Pension Schneider

© Gerdesmeier/ Musical1.de

Regina Lemnitz – die vielen vermutlich vor allem als deutsche Stimme von Whoopie Goldberg, Roseanne Barr und Kathy Bates bekannt sein dürfte – und Uwe Dreves spielen Fräulein Schneider und Herrn Schultz. Mit viel Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen geben sie das ältere Paar, das glaubt, endlich sein Glück gefunden zu haben. Doch mit dem Erstarken der NSDAP ändert sich das politische Klima in Berlin und für Juden wie Herrn Schultz wird es gefährlich. „Ich kann die Nazis nicht mehr ignorieren, weil es meine Freunde sind, meine Nachbarn“ erkennt Fräulein Schneider. Herr Schultz ist optimistischer: „Da geht vorbei,“ glaubt er. Ein Optimismus, der sich als schmerzlicher Irrtum herausstellen sollte.

Der Inszenierung gelingt der Übergang vom leichten Amüsement zur politischen Ernsthaftigkeit fulminant. Bei der Schlussszene stellt sich Gänsehaut ein.

Überragende Live-Band

Kabaret Ernst und Frl. Klotz

© Gerdesmeier/ Musical1.de

Eine ganz hervorragende Arbeit am Premierenabend liefert auf die Live-Band ab. Die Musiker unter der musikalischen Leitung von Adam Benzwi jazzen, was das Zeug hält, und spielen sich die Seele aus dem Leib. Sie liefern die perfekte Untermalung für die schwungvollen Szenen im Kit Kat Club genauso wie für die ruhigeren Momente. Und in der Pause sorgt das Orchester zusammen mit den Kit Kat Girls dafür, dass den Gästen so richtig eingeheizt wird. Ihre Auftritte als Fräulein Kosts Matrosen liefern die Bandmitglieder ebenso souverän ab. Ein Lob geht an dieser Stelle auch an die Technik unter Andreas Bornemann, die trotz schwieriger Bedingungen (das erwähnte Konzert am Brandenburger Tor) eine sichere Hand bewies.

Die Kostüme von Stefanie Krimmel, die Maske von Oliver Hildebrandt und das grandiose Bühnenbild des TIPI am Kanzleramt tragen ebenfalls dazu bei, das Berlin der späten 1920er zum Leben zu erwecken. Die Inszenierung im Theaterzelt ist ganz nah dran am damaligen Berlin und atmet den Geist, den Isherwoods Vorlage „Goodbye to Berlin“ (dt.: „Leb wohl, Berlin“) eingefangen hat. Für Berliner und Berlinbesucher bleibt ein Fazit: hingehen!

An dieser Stelle auch noch einmal ein Dank an livekritik.de für den gelungenen Abend!

Besetzung am 20. Juni 2015:

Cabaret Kit Kat Klub2

© Gerdesmeier/ Musical1.de

  • Sally Bowles: Sophie Berner
  • Clifford Bradshaw: Guido Kleineidam
  • Conférencier: Oliver Urbanski
  • Fräulein Schneider: Regina Lemnitz
  • Herr Schultz: Uwe Dreves
  • Fräulein Kost : Anja Karmanski
  • Ernst Ludwig: Torsten Stoll
  • Bobby / Matrose: Michael Chadim
  • Max / Matrose: Roland Avenard
  • Kit Kat Frenchie: Mogens Eggemann
  • Kit Kat Mausi: Maika Beate Wüscher
  • Kit Kat Lulu: Juliane Maria Wolff
  • Kit Kat Helga: Marion Wulf

Die Kit Kat Band

  • Piano/Toypiano/Akkordeon: Adam Benzwi
  • Violine/Singende Säge/Mandoline/Matrose Dragan: Radosavievich
  • Posaune/Steel Guitar: Daniel Busch
  • Kontrabass/Tuba/Triangel: Björn Sickert
  • Schlagzeug/Glockenspiel/Matrose: Moritz Wolpert

Kategorie: Kritiken

Tags:

Autor: S. Gerdesmeier (22.06.2015)

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