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Happy End? Nein danke! Regisseur Jan Langenheim im Interview

Er ist der Macher. Er zieht die Fäden. Er bestimmt, wie ein Musical oder Schauspiel auf die Bühne gestellt wird. Jan Langenheim ist Regisseur. Aktuell ist seine außergewöhnliche Inszenierung des Musicals THE BLACK RIDER am Theater Regensburg zu sehen. Musical1 hat sich mit dem gebürtigen Göttinger unterhalten.

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Jan Langenheim - Regisseur und Bühnenbildner
Regisseur Jan Langenheim © privat

„Ich verstehe mich als eine Art Dienstleister für Schauspieler“

Max Frisch, Franz Kafka, Bertolt Brecht, Heinrich von Kleist! Namhafte Schriftsteller zieren Jan Langenheims Vita. Doch nicht nur Autoren der Literaturgeschichte widmete sich der 48-jährige Künstler. So arbeitete der freie Regisseur und Bühnenbildner unter anderem mit Gegenwartsdramatiker Roland Schimmelpfennig zusammen. Neue, interaktive Wege ging er  mit seinen eigenen Projekten GÖTTINGEN MITTE / KRULL / RIPLEY und DER GERUCH VOM BODENSEE. Björn Bickers DEPORTATION CAST, das Langenheim inszenierte, wurde zum Jugendstück des Jahres 2012 ausgezeichnet. Seit Februar dieses Jahres zeigt das Theater Regensburg nun das Musical THE BLACK RIDER. Jan Langenheim hat Regie geführt.

Herr Langenheim, was hat Sie am Musical THE BLACK RIDER gereizt?

THE BLACK RIDER ist so ein Mythos. Es ist ein schillernder schwarzer Diamant am deutschen Theaterhimmel. Als das Stück herauskam, war ich noch recht jung. Ich hab’ es damals nicht gesehen. Aber man hat sich erzählt, dass es so ein richtiges Musical mit total coolen Leuten aus Amerika in einem deutschen Staatstheater gibt. Es war das Thalia-Theater in Hamburg (Uraufführung: 31. März 1990, Anm. d. Red.). Und Tom Waits hat die Musik dazu geschrieben. Von ihm hatte ich alle Platten. THE BLACK RIDER war so ein Underground-Ding, aber gleichzeitig Super-Hochkultur. Und dann kam das Ganze auch noch aus der deutschen Romantik und dem deutschen Wald. Das Musical ist tatsächlich schillernd, auch wenn man damit arbeitet.

Sie haben den „Mythos“ für das Theater Regensburg inszeniert. Was stand für Sie dabei im Vordergrund?

Es waren die wunderschönen Songs, die mit der Handlung nicht unbedingt praktisch etwas zu tun haben, eher assoziativ. Sie bringen die Geschichte nicht wirklich voran, sondern sind im Grunde genommen eine Erweiterung. Auch die gesprochenen Texte sind nicht gerade klassische Dialoge. Dabei stammt die ursprüngliche Vorlage aus dem 18. Jahrhundert. Wir würden heute Dreigroschenroman dazu sagen, aus dem Carl Maria von Weber eine Oper gemacht hat.

Sie sprechen die Oper DER FREISCHÜTZ an.  Bei THE BLACK RIDER musste ich aber auch an Wilhelm Tell denken. Der Protagonist heißt ja ebenfalls Wilhelm.

Ja, selbstverständlich. Das hat auch etwas miteinander zu tun. Der Autor der Texte, William S. Burroughs hatte seine Frau 1951 aus Versehen in Mexiko beim Wilhelm-Tell-Spiel erschossen. Das ist tatsächlich auch der eigentliche Anlass für das Stück gewesen. In der Vorlage aus dem 18. Jahrhundert heißt Wilhelm zwar nicht Tell, aber ebenfalls Wilhelm – in der Oper allerdings nicht.

Würden Sie Ihre Inszenierung des schwarzen Reiters als skurril bezeichnen?

Skurril ist eine Bezeichnung von außen, mit der ich gut leben kann. Ich selbst würde sie natürlich nicht skurril nennen. Ich setz’ mich auch nicht hin und sage: „Ich mach jetzt mal was Skurriles.“ Ich möchte mich schon mit dem auseinandersetzen, was mir da so entgegenkommt. In diesem Fall habe ich mich – zusammen mit den Ausstatterinnen und den Musikern – sehr viel mit William S. Burroughs und der amerikanischen Showgeschichte auseinandergesetzt. Dadurch kam die ganze Ästhetik des Bühnenbilds, der Kostüme und letztendlich auch der Inszenierung zustande.

The Black Rider © Jochen Quast

Sie haben nicht versucht, den deutschen Wald auf die Bühne zu bauen.

Es ist weniger der deutsche Wald, sondern eher ein vernageltes, stillgelegtes Theater – so wie das Velodrom, in dem das Stück aufgeführt wird, vor 20 Jahren verlassen war. Das sah damals auch ungefähr so aus. Es ist aber gleichzeitig eine Hommage an William S. Burroughs. Es gab eine Fotoserie, die sein damaliger Freund Brion Gysin erstellt hat: die sogenannte „Danger Series“. Da steht Burroughs genau vor so einer Wand, auf der „Danger“ steht. Im Hintergrund sieht man das Théâtre Odeon in Paris, das zu dieser Zeit ebenfalls umgebaut wurde.

Um Käthchen für sich zu gewinnen, wird Wilhelm in THE BLACK RIDER mithilfe des teuflischen Stelzfuß’ zum Meisterschützen. Zum Schluss erhält er dafür die Quittung. Wie weit würden Sie für Ihre Frau Anja, die das Bühnenbild kreiert hat, gehen?

Selbstverständlich würde ich alles für meine Frau tun. Wenn ich in so einer bescheuerten Welt wie in THE BLACK RIDER leben würde, könnte mir das daher genauso passieren. Es gibt nur einen Grund, so etwas überhaupt zu tun: Das ist die Liebe. Nur wenn man versucht, jemand zu sein, der man nicht wirklich ist, zerstört man möglicherweise das, was der andere an einem liebt. Und dann ist am Ende alles kaputt.

Wir wollen aber nicht zu viel verraten, da das Musical in Regensburg noch zu sehen ist. Verraten Sie bitte nur so viel: Bevorzugen Sie Produktionen mit oder ohne Happy End?

Interessanter sind natürlich Produktionen ohne Happy End. Wenn der Zuschauer nicht „erlöst“ wird, hat er noch etwas zu tun, wenn er das Theater verlässt. Natürlich wünscht sich jeder ein Happy End. Aber es ist wahrscheinlich doch oft produktiver, nur mit dem Wunsch nach Hause zu gehen, als mit der Erfüllung.

Beobachten Sie die Zuschauer während einer Premiere?

Bei der Premiere bin ich zu aufgeregt. Da schau’ ich lieber nicht nach links und rechts. In Repertoire-Vorstellungen mache ich das aber ganz gerne und blicke ein wenig herum. Ich finde dabei immer ganz interessant, wie die Zuschauer reagieren und sich auf meine Inszenierung einlassen. Das ist ja auch eine Form von Rückmeldung. Klatschen tun sie so oder so.

Wann ist ein Stück für Sie ein Erfolg? Erwartet man als Künstler in einer Premiere immer Standing Ovations?

Standing Ovations sind super, vor allem für die Schauspieler. Jeder, der etwas anderes behauptet, lügt. Eine bestimmte Art von Erfolg kann man daran auch messen. Für mich persönlich ist ein Stück aber ein Erfolg, wenn ich das Gefühl habe, dass es über den ganzen Abend einen lebendigen Austausch mit den Zuschauern gibt. Wenn das nicht passiert, können sie auch hinterher aufstehen und klatschen. Als Erfolg seh’ ich das Stück dann trotzdem nicht wirklich an. Und umgekehrt ist das genauso.

Lesen Sie Kritiken?

Ja. Doch. Ich finde schon interessant, was so an Feedback zurückkommt. Manchmal muss man natürlich schlucken. Es gibt aber auch sehr gute Kritiken, über die man sich wundert, weil man nicht auf die Idee käme, dass das Geschriebene etwas mit dem Abend zu tun hat, den man selbst erlebt hat. Es gibt Leute, die ein Stück total verreißen, aber dennoch gut beschreiben. Doch man muss grundsätzlich sehr stark sein. Ich kann Kollegen verstehen, die sich das nicht antun (lacht).

Mussten Sie während einer Vorstellung schon mal kurzfristig improvisieren?

Ja, es passiert ja immer mal was Unvorhergesehenes. Das ist einer der Gründe, warum man ins Theater geht: Vielleicht fällt ja einer von der Bühne…

…oder wird erschossen.

Oder wird erschossen. Ja, um Gottes Willen. So ein Live-Moment ist etwas sehr Aufregendes. Letztes Jahr bin ich zum Beispiel in Kaiserslautern an einem Tag für meinen Hauptdarsteller eingesprungen. Da war ich sehr aufgeregt – und habe viel improvisiert (lacht). Schauspieler ist schon ein krasser Beruf, das muss ich wirklich sagen. Ich hab’ das ja lange nicht mehr gemacht.

Möchten Sie nicht häufiger auf der Bühne stehen?

Dauerhaft würde ich das nicht aushalten. Es ist wirklich zu aufregend. Ich weiß auch nicht, ob ich mich als Schauspieler überhaupt engagieren würde. Ich fürchte, dass sich meine Begabung in Grenzen hält.

Dafür arbeiten Sie neben Ihrer Tätigkeit als Regisseur noch als Bühnenbildner. Wie stehen Sie zu (Video-)Projektionen?

Wenn sie dramaturgisch und inhaltlich Sinn machen und mit dem Geschehen auf der Bühne eine Verbindung eingehen, sind sie manchmal ganz prima. Es gibt Künstler, die das wirklich toll machen. Nur manchmal steht eine Projektion als reiner Ersatz für ein richtiges Bühnenbild. Wenn man nur etwas hinprojeziert, weil es billiger als eine Kulisse ist, ist das furchtbar. Wobei: Wenn man sich wirklich nichts anderes leisten kann, mag das auch okay sein. Aber wenn man eine Projektion grundsätzlich immer braucht, weil es eben eine coole Nummer ist, ist das schon ein bisschen anstrengend.

Das Bühnenbild zum Theaterstück DER ZERBROCHENE KRUG kommt ohne Projektion aus und erinnert an Gemälde von M. C. Escher und René Magritte.

Ja, das ist auch so. Das ist ganz interessant gewesen und hat sehr gut funktioniert. Wobei das Bühnenbild eine Vorlage hatte. In London gab es so eine kleine Box, in die man reingucken konnte. Ein Barockkünstler hat sie mal gebaut mit verschiedenen Perspektiven.

The Black Rider © Jochen Quast

Womit wir wieder beim Begriff „skurril“ wären. Oder sagen wir: surreal?

Ich versuche, mich auf alles neu einzulassen. Eine richtige Handschrift hab’ ich also mehr im Denken und im Einlassen als in der Ästhetik. Das Bühnenbild zu DER ZERBROCHENE KRUG sieht ja auch ganz anders aus als das zu THE BLACK RIDER. Ich denke schon sehr visuell. Aber andererseits ist mir die Auseinandersetzung mit den Schauspielern wichtiger. Ich verstehe mich auch immer als eine Art Dienstleister für Schauspieler. Dass sie gut über die Bühne kommen, ist mir ganz wichtig.

Arbeiten Sie auch mit Dramaturgen?

Ja, sehr gerne. Theater ist ja eine kollektive Kunst, die in der Auseinandersetzung stattfindet. Und ich finde es sehr wichtig, ein gutes Gegenüber zu haben. Und da ist ein Dramaturg sehr hilfreich. Ich hab’ natürlich einen Partner in jedem Schauspieler, in meinen Bühnenbildnern, in ganz vielen Leuten. Aber ein Dramaturg ist doch immer noch eine andere Art von Gegenüber, weil er innerhalb der Produktionsabläufe keine festgelegte Funktion hat. Das ist manchmal ein bisschen frustrierend für den Dramaturgen. Aber im günstigsten Fall ist er ein toller Spiegel, der in der Auseinandersetzung viel bringt.

Was ist der schlimmste Fehler eines Regisseurs?

Das ist ein bisschen schwierig, zusammenzufassen. Am Bahnhof von Stuttgart steht ein Zitat (von Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Anm. d. Red.): „Dass diese Furcht zu irren schon der Irrtum selbst ist.“ Also alles richtig machen zu wollen.

Wie stehen Sie zum Regietheater? Ist es noch zeitgemäß?

Das ist so ein Label. Ich weiß immer nicht genau, wo es anfängt und aufhört. Es gibt sicherlich bestimmte, inzwischen schon moderne, Konventionen von Regietheater, die irgendwann wirklich nervig und langweilig sind. Aber das ist einfach der Lauf der Zeit. Wenn jemand wie Claus Peymann jetzt das Feld führt und sagt: „Damals war noch alles gut und dann kam das böse Regietheater.“ Dabei gehörte er eigentlich zu denen, die das Regietheater erfunden haben. Es ist ein komplizierter Begriff. Ich kann mich da auch schwer einordnen. Von außen betrachtet gehör’ ich da vermutlich eher nicht dazu. Aber ich weiß es nicht wirklich.

Aktuell arbeiten Sie an einer Adaption zu Benjamin von Stuckrad-Barres PANIKHERZ. Ihr Traumprojekt steht allerdings noch aus.

Ich sitze hier gerade in unserem Atelier unter einem Plakat von Jacques Demy. Er hat in den 60er Jahren Musicalfilme gedreht. Seit Jahren schwebt mir LES PARAPLUIES DE CHERBOURG (Die Regenschirme von Cherbourg) vor. Der Film ist knallbunt und ein gesungenes Melodram. Das ist eine ganz eigene, tolle Form für mich – aber auch sehr aufwendig. Ich hätte es fast schon geschafft, das Stück in einem Theater in Nordrhein-Westfalen durchzubringen. Doch dann haben wir FRÜHSTÜCK BEI TIFFANY gespielt. Das war auch schön.

Kategorie: Allgemein,Interviews

Autor: B. Schlager(22.04.2018)

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