Jetzt Tickets kaufen

Berlin Musicals – Neue Company bringt Diversität und Innovation

Musicals mit Anspruch produzieren und jungen Talenten eine Plattform bieten – das sind zwei der Ziele von Berlin Musicals. Am 27. und 28. April wird die junge Company mit MISCAST MUSICALS ihre erste Show präsentieren. Wir haben uns im Vorfeld mit Gründer und Regisseur Keith Fernandez getroffen und unter anderem über Gender und Diversität im Musical gesprochen.

Diesen Beitrag teilen

MISCAST MUSICALS Plakat
MISCAST MUSICALS Plakat © Berlin Musicals

Frischer Wind für die deutsche Musical-Szene

  • Hallo Keith. Vielen Dank, dass du dir Zeit für uns genommen hast.
    Vielleicht stellst du dich als kleine Einleitung für unsere Leser einmal kurz vor: Wer bist du, wie bist du zum Musical gekommen und was hast du bisher so gemacht?

Ich bin in Dubai aufgewachsen und habe in Kanada Musical studiert. Nach meinem Abschluss habe ich dann noch einige Jahre dort gearbeitet. Ich war Teil einer Theatergruppe, die wunderbar bizarre, ungewöhnliche Musicals gespielt hat; solche, die in den 30ern oder 50ern am Off-Broadway gespielt wurden. Ich habe dort auch eine kleine Musicalcompany gegründet und meine eigenen Shows gemacht. Als mein Visum ablief, bin ich zurück nach Dubai gegangen und vor zweieinhalb Jahren dann nach Deutschland gezogen.

Ich hatte hier die Möglichkeit, an vielen Auditions teilzunehmen. Aber ich habe auch gemerkt: Um hier gecastet zu werden, musst du einem sehr, sehr genauem Bild entsprechen. Man trifft eher selten jemanden, der irgendwie ungewöhnlich ist und für eine Show gecastet wird. Ich bin nicht weiß, ich bin nicht wirklich schwarz, ich passe oft nicht ins Schema. Ich habe irgendwann akzeptiert, dass es nicht viele Rollen gibt, für die ich absolut perfekt bin. Ich glaube, dass nicht viele deutsche Regisseure da ein Risiko eingehen. Die gehen lieber auf Nummer sicher.

  • Du möchtest das anders machen?

Ja, hundertprozentig. Ich habe Theater schon immer mit superdiversen Gruppen von Menschen gemacht; das ist die einzige Art, auf die ich Theater machen kann. Und das will ich auch hier mit Berlin Musicals machen.

Was ich gemerkt habe: Wenn man zu Auditions geht, trifft man haufenweise Leute aus aller Welt, aber nur sehr, sehr selten Deutsche. In den Staatstheatern, ja, aber in größeren Häusern ist das eher selten. Ich war eine der wenigen Personen, die in Deutschland lebten und zu diesen Castings kamen.

Deshalb will ich neuen Leuten die Möglichkeit geben aufzutreten: Leuten, die neu in Berlin sind, Leuten, die neu in Deutschland sind, Leuten, die schon lange hier leben, Deutschen, …
Außerdem möchte ich mit vielen People of colour arbeiten. Diese Menschen können nicht so oft auf der Bühne stehen, weil die Rollen nicht ursprünglich für sie [sondern für Weiße] geschrieben wurden. Aber natürlich können sie sie trotzdem spielen!

Was erwartet uns bei Berlin Musicals?

  • Berlin Musicals ist noch eine recht neue Company. Du hast sie erst im Januar gegründet. Was kann man von euch erwarten? Was bietet Berlin Musicals, das für das Publikum neu ist und anders als die großen „Mainstream-Produktionsfirmen“?

Das Publikum hat die Chance lokale Darsteller auftreten zu sehen – junge, aufstrebende Künstler, die das Publikum vielleicht noch nicht kennt, weil sie bisher noch nicht so viele Möglichkeiten hatten auf der Bühne zu stehen. Sie sind dennoch talentierte Menschen, die eine Plattform verdienen, auf der sie auftreten können.

MISCAST MUSICALS Probe

Probenfoto © Berlin Musicals

Eine Sache, von der ich wegkommen möchte, ist die Idee, dass Theater nur zur Unterhaltung dient. Ich finde, es sollte so viel mehr tun. Die Menschen sollten darüber reden, es hinterfragen, davon emotional berührt und inspiriert sein. Ich möchte kein Theater machen, bei dem man sich denkt „Haha, das war ein sehr unterhaltsamer Abend“ und dann geht man und vergisst es. Ich möchte Theater machen, das die Leute herausfordert. Ich werde definitiv Stücke kreieren, die ungewöhnlich, anders sind.

Kreativ, innovativ und definitiv lokal – Das sind so meine drei Hauptziele für Berlin Musicals.

Wir führen auch alles in der Originalsprache auf. Das ist mir sehr wichtig, weil ich finde, dass man den Leuten Respekt zollen sollte, die so viel Zeit und Energie investiert haben, um diese Musik zu schreiben. Wenn man eine italienische Oper aufführt, führst man sie auch auf Italienisch auf. Warum? Weil sie auf Italienisch geschrieben wurde und das auch eine Hommage an den Komponisten ist. Warum sollte man das nicht auch mit Musicals tun? Die Leute fahren ja auch ins West End und sehen sich dort Shows auf Englisch an. Wenn wir unser erstes großes Musical aufführen, werden wir das auf jeden Fall im Original spielen.

MISCAST MUSICALS – Die erste Show von Berlin Musicals

  • Eure erste Show, die am 27. und 28. April in der Loftbühne in Berlin gezeigt wird, heißt MISCAST MUSICALS – A GENDER BENDING REVUE. Kannst du etwas darüber erzählen und unsere Leser neugierig machen?

Das Oberthema ist Liebe, die Stadien der Liebe vom Anfang, wenn man die Liebe findet, bis zum Ende, wo es um Stabilität geht. In jedem Abschnitt haben wir mehrere Songs, die die Dinge aus verschiedenen Perspektiven betrachten. Manche werden sich darüber lustig machen, manche werden emotional berührend sein. Die Show ist flirty, etwas frech, macht Spaß und ist auch sehr emotional. Es wird eine emotionale Achterbahnfahrt.

Insgesamt gibt es 27 Songs in der Show, die alle ineinander überfließen, wodurch wir die Story vorantreiben. Man kann auf jeden Fall Dinge aus bekannten Musicals erwarten, z.B. DEAR EVAN HANSEN, HAMILTON, WEST SIDE STORY, aber auch aus eher unbekannteren Stücken. Es gibt auch ein paar Kabarett-Songs, die von Musicalautoren geschrieben wurden, die die Leute vielleicht nicht kennen, die aber wirklich schöne Geschichten erzählen.

Wir hatten mit den Songs der Show großen Spaß, weil wir auch eine Menge interessante Dinge damit gemacht haben. Wir haben sie aus dem Kontext der Musicals herausgenommen und in ein neues Licht gestellt, sodass sie total anders sind, als die Leute sie normalerweise hören würden. So kann z.B. ein Song, der eigentlich sehr ernst ist, sehr lustig werden. Ich, eine Person of Colour, singe z.B. einen Song, den die Puerto-Ricaner in der WEST SIDE STORY singen, zusammen mit einem Weißen, der eine Person of Colour spielen wird.

  • Die Darsteller von MISCAST MUSICALS:
  • Die Show trägt den Untertitel „a gender bending revue“. Die Darsteller schlüpfen also in Rollen, die normalerweise von Darstellern eines anderen Geschlechts verkörpert werden. Was glaubst du ist der Reiz dieses Formats für die Darsteller – und für das Publikum?

Ich denke, den Darstellern macht es großen Spaß, weil man Songs von Rollen singen kann, für die man nie, nie, niemals gecastet würde; Songs, die man liebt, die aber zu einer Figur gehören, die zu spielen man niemals die Chance bekommen würde.

Dem Publikum macht es Spaß, weil man sich die Songs nie so vorgestellt hätte. Wenn man sich Aufnahmen von Songs anhört, werden die immer von Personen des gleichen Geschlechts gesungen -„Maria“ aus der WEST SIDE STORY wird zum Beispiel immer von einem Mann gesungen und immer als Solo. Solche Dinge umzuwerfen macht großen Spaß.

Gender Bending – Wie flexibel ist die Musical-Szene?

  • Gender Bending wird oft zur Unterhaltung gemacht, weil es lustig ist. Glaubst du, es gibt Shows oder Rollen, die mit getauschten Geschlechtern tatsächlich genauso gut funktionieren würden?

Absolut! Ich habe darüber nachgelesen und Gender Bending in Musicals hat tatsächlich schon in den 1970er Jahren angefangen. Damals war das sogar eine weniger große Sache als heute. Es wurde größtenteils positiv aufgenommen, weil sich die Leute dachten: „Ja, endlich!“

Es gibt viele Beispiele dafür, wie gut es funktionieren kann: Die Show WAITRESS z.B. spielt in einem Diner und der Besitzer des Diners ist meistens ein Typ namens Joe. Und dann haben sie die Rolle zu einer Frau namens Josephine gemacht. Warum? Weil es egal ist, wer es ist. Ja, die Rollen haben Lieder, die sie singen. Na und? Dann schreibt man die Musik um, in eine andere Tonart, und die Geschichte wird trotzdem erzählt. Es ist höchste Zeit, dass sowas passiert.

Am Broadway hatten sie letztes Jahr in HEAD OVER HEELS die erste Transfrau in einer Hauptrolle. Das fand ich monumental! Ich habe die Show gesehen und auch, wenn ich es nicht vorher gewusst hätte: Es wäre mir total egal gewesen, ob das ein Mann oder eine Frau spielt oder irgendjemand anderes. Spiel einfach mit Ehrlichkeit und sei, wer du bist, sodass die Leute es dir glauben.

  • Es ist auch ein tolles Zeichen für die Gesellschaft, dass dein Geschlecht dich nicht definiert, nicht dein ganzes Leben bestimmt.
    MISCAST MUSICALS Probe

    Probenfoto © Berlin Musicals

Genau! Und ich glaube, Berlin ist eine super Stadt, um das zu auf die Bühne zu bringen, weil ich das Gefühl habe, dass sie in Sachen Gender-Bewegung sehr offen ist. Egal ob man trans ist, bi, schwul, sich als Mann oder Frau oder etwas anderes identifiziert – Die Leute zucken nicht mit der Wimper. Das liebe ich an dieser Stadt. Wenn ich die Möglichkeit bekomme, das auch in anderen Städten in Deutschland zu tun, würde ich es sofort machen. Einfach, um Leute zum Nachdenken anzuregen: „Oh, ja, eigentlich ist es wirklich egal. Denn ich betrachte diese Person als Person, als Individuum. Und ich genieße die Performance und denke nicht die ganze Zeit ´Oh, das sollte aber von dem gespielt werden´“.
Es wurde schon so oft gemacht, auch nicht nur mit Gender.

Colourblind Casting – Für mehr Diversität im Musical

  • Du meinst Colourblind Casting? (Casting unabhängig von der Hautfarbe der Darsteller)

Genau, das ist großartig! Als sie 1994 GREASE am Broadway gemacht haben, da wurde Teen Angel zum ersten Mal von einem Schwarzen verkörpert – Billy Porter, der auch die Rolle der Lola in KINKY BOOTS kreiert hat. Und er hat es gerockt. Er machte es ganz zu seiner eigenen Sache.

Ich glaube auf der Tour von DEAR EVAN HANSEN hatten sie ihren ersten Person of Colour Evan, was genial ist, und allerhöchste Zeit. Sie haben auch die Familien colourblind gecastet, z.B. mit einem schwarzen Vater und einer weißen Mutter. Man hinterfragt das nicht, man verfolgt einfach weiter die Geschichte.  Schließlich gibt es viele solcher Familien im ganzen Land.

  • Du findest also, Colourblind Casting sollte auch öfter praktiziert werden?

Absolut! Du bist ja immer noch ein Individuum auf der Bühne. Wenn du die Rolle mit Ehrlichkeit spielst, ist es total egal, welche Hautfarbe du hast.

Aber ich denke, manche Geschichten, manche Musik wurde für bestimmte Gruppen geschrieben. THE WIZ wurde zum Beispiel spezifisch als schwarze Antwort zu DER ZAUBERER VON OZ verfasst. Ein schwarzer Komponist hat es für schwarze Stimmen geschrieben. Ich denke, um das gut zu machen und dem Stück und der harten Arbeit Autoren gerecht zu werden, sollte man es mit schwarzen Darstellern spielen. Weil diese Musik dafür geschrieben wurde. Es ist eine Hommage an People of Colour. Ich glaube nicht, dass Weiße diese Rollen mit der Ehrlichkeit und Authentizität spielen können. Klar, es gibt Weiße, die eine ähnliche Stimmfarbe haben wie People of Colour. Aber warum sollte man sie einsetzen, wenn man auch People of Colour in Deutschland hat, die die Parts singen könnten? Wenn ich eine weiße Version des Stückes wollte, würde ich DER ZAUBERER VON OZ spielen.

  • Gibt es eine Rolle, die du gerne mal spielen würdest, für die du aber vermutlich nie gecastet werden würdest?

Meine Top-Rolle, für die ich töten würde, ist Tobias aus SWEENEY TODD. Der wird eigentlich immer von einem Weißen gespielt.

  • Lieber Keith, vielen Dank für das interessante Interview! Wir wünschen euch viel Erfolg bei eurer ersten Produktion und freuen uns schon sehr auf die Show! Wir werden dann natürlich auch berichten, wie es uns gefallen hat.

Berlin Musicals live erleben

Am 27. Und 28. April präsentiert Berlin Musicals die Show MISCAST MUSICALS – A GENDER BENDING REVUE in der Loftbühne in Berlin. Tickets gibt es für 18€.

Kategorie: Interviews

Tags: Berlin

Autor: C. Hain(19.04.2019)

Diesen Beitrag teilen

Monatlicher Musical-Newsletter

Erhalten Sie einmal im Monat kostenlos die wichtigsten Musical-News im Überblick: Welche neuen Musicals laufen wo? Welche tollen Musical-Angebote gibt es? Verpassen Sie keine Hinweise mehr!

Die Abmeldung von dem Newsletter ist jederzeit möglich.

Kommentar hinterlassen

Hiermit stimme ich zu, dass meine Angaben aus dem Kommentarformular zur Beantwortung meiner Antwort erhoben und verarbeitet werden. Hinweis: Sie können Ihre Einwilligung jederzeit für die Zukunft per E-Mail an info@musical1.de widerrufen. Detaillierte Informationen zum Umgang mit Nutzerdaten finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Newsletterhinweis schließen
Musical1 Newsletter
Zusammengefasste Musical-News
Hinweise auf gute Musical-Angebote
Regelmäßige Ticketverlosungen
Musical-Neuerscheinungen
Sicherheit des Newsletters