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TIM REICHWEIN – im Interview

Wir konnten vor kurzem ein Interview mit Tim Reichwein in Berlin führen. Tim steht zur Zeit als Jehan, Bruder des Erzdiakon Claude Frollo und Vater von Quasimodo, in dem Musical DER GLÖCKNER VON NOTRE DAME an 6 Tagen in der Woche im Berliner Theater des Westens auf der Bühne. Er hat uns einiges über seinen Weg als Musicaldarsteller, seine Arbeit auf der Bühne und ein Geheimnis das keines ist verraten.

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Tim Reichwein
Tim Reichwein © Milan van Waardenburg

Hallo Tim, schön, dass Du ein wenig Zeit für uns hast. In zwei Stunden stehst du bereits wieder auf der Bühne als Jehan in dem Musical DER GLÖCKNER VON NOTRE DAME. Aber lass uns sozusagen kurz am Anfang anfangen. Was bewog Dich dazu, Schauspieler zu werden? Oder welche Situation war es, in der der gewisse „Pling“-Moment war und Du wusstest: Das will ich!

Das kennt wohl jeder aus der Schulzeit. Da wollte ich auch immer in den Schulveranstaltungen auftreten und mitmachen. Ich wollte immer irgendetwas machen, auch Sachen, bei denen andere gesagt haben: Für einen Jungen passt das so jetzt aber nicht. Ich habe zum Beispel Frank N. Furter nachgemacht. Da habe ich mir einfach irgendwelche verrückten Perücken aufgesetzt und Lippenstift aufgelegt. Das war schon relativ früh und ich hatte auch keine Scheu, das dann zu präsentieren. Gedanken darüber, ob man so etwas macht oder nicht, gab es da nicht. Obwohl ich ja nun nicht gerade aus einer super weltoffenen Stadt komme.

Wo bist Du denn aufgewachsen?

In Wilhelmshaven. Wilhelmshaven ist doch eher beschaulich und bieder. Den Gedanken, mal Schauspieler zu werden, gab es nie. Im Mittelpunkt stehen, Aufmerksamkeit bekommen, einfach mitspielen – das war es eher, aber mehr auch nicht.

Der eigentliche Auslöser war dann erst so mit 18 Jahren. Ich habe eine Musical AG besucht und das war dann auch das erste Mal, dass ich so halb professionell auf einer Bühne stehen durfte. Es war schon eine recht professionelle Show mit einem angemessenen Budget, Band und einer kleinen Tour durch den Norden Deutschlands. Es hat sich richtig angefühlt und ich fand es toll. Allerdings habe ich mich nicht getraut, mich zu bewerben. Das haben meine AG-Kollegen für mich gemacht – hinter meinem Rücken. Sie haben mich bei der Stage in Hamburg zum Vorsingen angemeldet. Ich bekam dann einfach nur die Einladung zum Vorsingen. Ich wurde also sozusagen gezwungen und überredet dort hinzugehen. Ja und es hat tatsächlich auch gleich geklappt, dass ich angenommen wurde. Allerdings war ich ja noch mitten in meiner Ausbildung zum Erzieher, die ich zunächst beenden musste. Nach dem Abschluss ging ich dann sofort nach Hamburg.

Ich hätte das nie gedacht. Für mich gab es immer nur Wilhelmshaven und dass ich bis zum Ende meines Daseins dortbleiben müsse. Ich war immer schon sehr zwiegespalten. Einerseits wollte ich mich schon ausdrücken und präsentieren, andererseits bin ich aber auch extrem schüchtern und unsicher. Auf der Bühne konnte ich aber das darbieten, was ich mich im wirklichen Leben nie getraut hätte. Man sagt ja oft guten Schauspielern nach, dass sie im wahren Leben ganz anders sind als auf der Bühne. Bei mir ist das heute auch noch so. Auf der Bühne bin ich gerne präsent, aber als Tim mische ich mich nicht gerne irgendwo ein, bin nicht so fanaffin und bin immer relativ schnell und unsichtbar.

Ist Tim also eher schüchtern und zurückhaltend.

Tim ist immer der derjenige, der hinten steht, nie im Vordergrund. Ich bin dann auch nicht der Mensch, der zum Beispiel an der Stage Door rauskommt und stehen bleibt. Ich schaue schon, ob jemand etwas möchte, aber wenn mich niemand anspricht, gehe ich dann auch. Das ist nicht böse gemeint. Wenn niemand etwas möchte, ist es mir unangenehm da einfach stehen zu bleiben. Also liebe Besucher: Sprecht mich ruhig an und dann machen wir auch sehr gerne Fotos und Autogramme.

War es von Anbeginn die Sparte Musical, sprich Bühne, oder gab es Erwägungen Richtung Film, Fernsehen, Oper, Theater im klassischen Sinne?

Nein, es ging immer nur um Bühne und Singen. Andere Sachen traue ich mir nicht zu. Das kann ich nicht, dafür bin ich nicht geeignet. Da würde mich eh keiner nehmen und deshalb habe ich das nie versucht. Ich möchte dort nicht Ablehnung erfahren. Es ist eh schon bei jedem Vorsingen so schlimm, wenn man Absagen bekommt, da muss ich das nicht noch dazu haben. Und Film und Fernsehen ist mir dann wohl doch vielleicht zu viel Aufmerksamkeit. Nein, so wie es ist ist es gut. Ich bin auch nicht so der Ehrgeizigste. Das Streben nach der ganz großen Karriere habe ich nicht. Ich mache so meine Sachen und das genügt mir voll und ganz. Also es war für mich immer Musical und ich habe dann meine Ausbildung gemacht – allerdings nur zweieinhalb Jahre. Das letzte halbe Jahr war ich bereits bei ELISABETH. Ich bin dann zur Abschlussprüfung noch einmal nach Hamburg gefahren.

Viele Musicalbesucher und Fans haben Dich gut in Erinnerung als Herbert in TANZ DER VAMPIRE, aber Du hast bereits so viele unterschiedliche Rollen gespielt, da darf die Standardfrage nicht fehlen: Was war Deine bisherige Lieblingsrolle?

Meine Lieblingsrolle und am interessantesten war der Maxime de Winter in REBECCA, damals in Wien. Dieser Charakter ist so vielschichtig und spannend. Hinzu kam noch, dass wir damals in die Entwicklung des Stückes integriert waren. Wir waren die ersten, die das gemacht haben. Es war spannend und aufregend. Deshalb ist dies meine Lieblingsrolle. Den Herbert in TANZ DER VAMPIRE habe ich geliebt. Es ist so eine dankbare, wundervolle Rolle in einem tollen Stück. Herbert hat wirklich sehr viel Spaß gemacht, man konnte mit wenig dort so viel erreichen. TANZ DER VAMPIRE ist ein grandioses Stück mit einer einzigartigen Atmosphäre.

Nun – hier dürfen wir Dich als Jehan erleben, den jüngeren Bruder von Claude Frollo. Und Jehan ist das genaue Gegenteil seines Bruders: Feste feiern, Mädchen, Spass haben, einen guten Tropfen genießen. Sind Jehan und Tim sich ähnlich?

Ja, wir sind uns ähnlich. Ich habe allerdings nicht diese Egalhaltung, die Jehan so an den Tag legt. Jehan macht Sachen und Dinge, ohne über die Konsequenzen nachzudenken. Da bin ich anders. Ich gehe sehr gerne aus. Lange und gut feiern mit Freunden, ein gutes Glas Wein, Spaß haben – aber ich denke dabei auch weiter. Wenn ich weiß, ich habe den nächsten Tag etwas vor, ich muss arbeiten oder Sonstiges, dann halte ich mich auch zurück. Wenn ich weiß, am nächsten Tag habe ich zum Beispiel eine Doppelshow und bin zum Beispiel als Phoebus vorgesehen, dann hat das für mich Priorität. Ich weiß dann, dass ich eine anstrengendere Rolle mit vielen Soli habe. In jedem Fall aber steht für mich der Grundsatz: Wer feiern kann, der kann auch arbeiten. Das habe ich immer so gehalten und das werde ich auch nicht ändern. Ich bin da sehr zuverlässig, ob im Job oder privat. Das unterscheidet mich von Jehan, er denkt nicht darüber nach, er macht wie es ihm gerade in den Sinn kommt. Ihm ist es egal. Ich habe mich noch nie in meinem Leben krank gemeldet, weil am Abend zuvor gefeiert wurde. Jehan würde dies schon tun.

Ist Tim ein Genussmensch – gutes Essen, ein guter Wein?

Oh ja, der Tim ist ein absoluter Genussmensch. Er ist kein Essen-in-sich-Reinschaufler oder ein Über-den-Durst-Trinker. Tim genießt immer und gerne. Ja ich gebe zu, ab und an ist es auch ein Burger oder Döner, wenn die Zeit mal knapp ist, aber auch das esse ich dann mit Genuss.

Im Stück stirbst Du ja wahrlich jämmerlich aber herzergreifend und siehst dabei so klasse aus und so jugendlich. Es ist ja kein Geheimnis, dass Du im April 40 geworden bist. Was ist Dein Rezept für jugendliches Aussehen? Sport, Ernährung, Gesichtsmasken?

Jehan und Frollo

Photo Johan Persson ©Disney k

Ja, leider sterbe ich viel zu früh im Stück, aber das muss so sein, sonst würde es im Stück ja nicht weitergehen. Ein Geheimnis zu meinem jugendlichen Aussehen gibt es, glaube ich, nicht. Jetzt nicht lachen: Aber ich habe die Gene meiner Mutter geerbt. Sie ist jetzt fast 70 und sieht aus wie 55. Ich denke, da hatte ich Glück. Manche Menschen haben die Veranlagung. Ja und ich bin auch sehr pflegeaffin. Jeden Morgen gibt es eine Gesichtsmaske und ich mag generell Pflegeprodukte, die ich dann auch regelmäßig benutze. Eine ganz wichtige Sache ist aber, glaube ich, die Lebenseinstellung. Ich bin ein sehr lebensbejahender und positiv denkender Mensch. Sport mache ich ehrlich gesagt nicht wirklich, da wäre sicher mehr möglich.

Du spielst beim Glöckner von der Rolle des Jehan über das Cover Phoebus bis hin zum Ensemble alles abwechselnd. Gibt es dafür eine Rollenbezeichnung – direkt einen Namen für diese „Multifunktion“ der Darsteller, der das annähernd beschreibt?

Nur die Hauptrollen haben ihre Namensbezeichnung, für den gesamten Rest gibt es die Bezeichnung „Mann“ und eine Nummer. Also ich bin Mann 7, kurz M7. Das ist in dem Stück auch sehr wichtig, da wir alle immer mal untereinander tauschen müssen. Auf Grund von Urlaub, Krankheit muss die Bezeichnung dann eindeutig, logisch und nachvollziehbar sein. Das ist auch so in der sogenannten Swingfibel dargestellt. Da steht dann: M7 geht rechts dorthin, M8 sitzt links dort usw. Würden dort Namen stehen, wäre das ein heilloses Durcheinander, wenn nur einer ausfällt. Es ist eine Organisationsfrage.

In der Show seid Ihr Darsteller in die „Umbaumaßnahmen“ der verschiedensten Art integriert und das während des laufenden Spiels. Du hast da auch gut zu tun.
Für den Betrachter kommt das beinahe unauffällig, ja spielerisch, herüber – ist es das oder ist es anstrengend?

Ja, das ist es. Das ganze Stück ist anstrengend, wenn man bedenkt, dass man im Ensemble zum Beispiel im ersten Akt nur sechs Minuten nicht auf der Bühne ist. Wir sind diejenigen, die im ganzen Stück am meisten auf der Bühne sind. Nun ja, spielerisch! Es soll spielerisch wirken und wirklich schwer sind die einzelnen Teile auch nicht wirklich. Die großen Treppen zum Beispiel bewegen sich auf Luftkissen und müssen schon in die richtige Richtung geführt werden. Aber es ist viel zu bewegen und das ist dann in der Masse am ganzen Abend anstrengend.

Und dann noch das Umziehen…. außer Jehan, wie bereits gesagt, schlüpfst Du noch in diverse andere Rollen. Du musst Dich gefühlte 50 Mal umziehen. Hast Du dabei schon mal versehentlich ein falsches Kostümteil gegriffen? Oder ein falsches Requisit?

Nein, das ist mir noch nicht passiert. Wir haben aber auch wundervolle Ankleider, die darüber wachen, dass wir alles zur rechten Zeit und am richtigen Fleck vorfinden. Es gibt zum Beispiel hinter der Bühne einen Stuhl für jeden Akteur und da sind die Sachen drauf vorbereitet, die man als nächstes benötigt. Diese Stühle sind markiert. Ich habe dort dann Stuhl M7. Also alles logisch organisiert.

Aber einmal gab es doch eine kleine Panne. Ein Darsteller griff versehentlich die graue Kutte eines anderen. Von der her Sache nicht so tragisch, aber in diesem Falle waren die beiden von der Körpergröße sehr verschieden. Der größere der beiden hatte in dem Fall eine Kutte, die nicht die richtige Länge hatte, wobei der kleinere eine Schleppe hinter sich herzog und ein wenig aussah wie „Yoda“ aus Star Wars.

Was hältst Du für Deine stärkste Eigenschaft als Darsteller?

Zuverlässigkeit! Ich denke, das ist meine stärkste Eigenschaft und, wie ich finde, auch eine sehr wichtige. Man muss sich aufeinander verlassen können. Es ist wichtig, dass man zum richtigen Zeitpunkt körperlich, aber auch mental anwesend ist. Wenn wir zum Beispiel proben, dann hat man manchmal Pausen und muss warten. Auch da kann man nicht einfach abschalten. Zuverlässigkeit und Aufmerksamkeit! Ja, das sind meine wichtigsten Darstellereigenschaften.

Warst Du selber schon einmal in Notre Dame?

Ja! Ich war schon sechs Mal in Paris. Allerdings nur ein einziges Mal in Notre Dame und das ist auch schon eine Weile her. Ich liebe Paris, eine wunderbare Stadt, obwohl sich die Stadt auch verändert hat im Laufe der Jahre. Aber ich liebe den Pariser Flair. Mein Notre-Dame-Besuch ist wirklich schon lange her. Ich wollte immer mal wieder dorthin, aber leider hat es zeitlich nicht gepasst. Es ist aber schon toll, wenn man hier auf der Bühne steht. Es ist ja nun keine Original-Kulisse, aber Einzelnes, wie zum Beispiel der Boden oder das Rosenfenster, erinnern doch sehr stark. Man kann sich, wenn man Notre Dame im Original gesehen hat, dann schon dorthin träumen und das Gefühl aufleben lassen. Ganz besonders empfinde ich dies in der Szene, wo wir auf der Bühne mit den Kerzen in der Hand stehen. Da ist es doch sehr realistisch und weckt Erinnerungen.

Schaust Du Dir generell schon mal spektakuläre Kirchen an, wenn Du auf Reisen bist?

Oh ja, das mache ich sehr gerne. Ich bin nun aber nicht der Typ Mensch, der dann stundenlang dort bleiben muss und jede einzelne Statue analysiert. Ich gehe aber sehr gerne, vielleicht auch nur für einen kurzen Moment, hinein, um die Atmosphäre zu genießen. Gerne gehe ich auch in kleine Kirchenhäuser abseits der empfohlenen Touristenpunkte. Wenn es mir gefällt, verweile ich etwas länger, aber in jedem Fall nehme ich die besondere Stimmung dort auf.

Was ist Deine liebste Freizeitbeschäftigung?

Meine liebste Freizeitbeschäftigung ist nicht Schlafen, also ich schlafe nicht sehr gerne. Für andere ist dies ja meist das Liebste. Ich fahre sehr gerne Fahrrad, vor allem in meiner jetzigen Heimat Bremen. Man kann mit dem Rad so viel machen und auf den Touren erleben und sehen. Aber ich gehe auch unwahrscheinlich gerne in der Stadt bummeln. Das heißt nicht unbedingt shoppen, sondern wirklich bummeln und irgendwo einkehren und etwas Leckeres essen oder trinken. Ich gehe auch sehr gerne essen. Da ich null kochen kann, gehe ich sehr gerne in der Stadt essen. Wenn mich jemand fragt, was ich gar nicht kann, dann ist die Antwort: Kochen. Da geht, außer vielleicht mal ein Spiegelei, so gar nichts bei mir.

Nicht mal Nudeln mit Tomatensoße?

Ja, das geht auch gerade noch so, aber das ist so kalorienintensiv, das lass ich lieber.

Hast Du auch hier in Berlin ein Fahrrad?

Ja, ich habe es extra aus Bremen mitgebracht, aber so fahrradfreundlich ist Berlin nun ja nicht, das ist in Bremen schon anders. Und es ist zur Zeit, oder sagen wir seit einiger Zeit, kaputt, und ich hatte bisher keine Zeit – und ehrlich gesagt auch wenig Lust – es zu reparieren. Berlin geht aber auch gut mit der BVG oder zu Fuß.

Wirst Du mit nach München gehen?

Ja, ich werde den Jehan auch in München spielen. Jetzt aber freue ich mich erst einmal noch, hier in Berlin auf der Bühne zu sein und die Stadt zu genießen.

Das ist prima, dann können wir uns weiterhin an Tim und Jehan auf der Bühne erfreuen. Lieber Tim, vielen Dank für dieses offene Gespräch und Deine Zeit, die Du uns gewidmet hast. Ich denke, da war für unsere Leser sehr viel Interessantes dabei. Für die weitere Zeit wünschen wir Dir ganz viel Spaß in Berlin und Notre Dame.

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Kategorie: Der Glöckner von Notre Dame,Interviews

Tags:

Autor: I. Marquardt (25.08.2017)

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