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Fredrik Wickerts – Vom Darsteller zum Künstlerischen Leiter

Rund dreineinhalb Jahre und fast 900 Shows war er der Alfred in TANZ DER VAMPIRE. Fredrik Wickerts ist vielen Musicalfans noch in dieser Rolle im Gedächtnis. Inzwischen steht er nicht mehr selbst auf der Bühne, sondern hinter oder vor ihr. Als künstlerischer Leiter des Stage Apollo Theaters in Stuttgart sorgt er dafür, dass die jeweilige Show während der Spielzeit immer auf dem gleichen hohen Niveau bleibt und sich keine Unsauberheiten oder ungewollte Veränderungen einschleichen. Gar keine leichte Aufgabe.

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„Ich war schon immer ein begeisterter Geschichtenerzähler“

Schon als Kind habe er sich auf längeren Autofahrten am meisten auf die Hörbücher gefreut, die immer dabei waren. „Während mein Bruder sich in seine Popmusik vertiefte, wollte ich viel lieber Kinderhörbücher hören“. Mit etwa 8 Jahren durfte er mit der Familie in WEST SIDE STORY. „Dabei entdeckte ich, dass man Geschichten auch mit Musik erzählen kann. Ich war wirklich geflasht!“. Er komme aus einer musikalischen Familie und habe schon immer viel gesungen, erzählt der Schwede. „Ich habe auch Gesangsunterricht gehabt und dabei gemerkt, dass ich das einfach kann“.

Anfänge im Kammerchor des Musik-Gymnasiums Stockholm

Und er hatte Glück. Seine Schule lag im gleichen Gebäude wie ein Musik-Gymnasium. Dort war der Stockholmer Kammerchor zuhause. Und obwohl er auf eine andere Schule ging, durfte er dort mitsingen. Die Schule führte auch Musicals auf und es gab viele Gleichgesinnte, die sich ebenso für dieses Genre begeisterten wie Fredrik Wickerts. „Wir haben uns dann gemeinsam vorgenommen, uns an der Musicalschule zu bewerben“. Der Plan ging auf und Fredrik wurde sofort genommen. Als jüngster Schüler jemals begann er ein dreijähriges Studium in Göteborg. Danach hatte er erste Rollen in Schweden, spielte bei OLIVER! und JESUS CHRIST SUPERSTAR.

Final Auditions mit Roman Polanski

„Aber die Musicalszene in Schweden war klein. Ein Freund gehörte damals zur Cast von SATURDAY NIGHT FEVER in Köln und hat mir erzählt, dass Stella eine Casting-Tour für TANZ DER VAMPIRE macht. Damals war das üblich, dass Casting-Touren durch größere europäische Städte gemacht wurden.“ Er ging zur Audition und wurde zum Callback nach Stuttgart eingeladen. „Die Final Auditions fanden dann im Apollo Theater statt. Roman Polanski war persönlich dabei.“ Und hat ihn beim Stuttgarter Castwechsel als Erstbesetzung Alfred ausgesucht. „Ich war jung, da fühlt man sich stark und unbesiegbar. Aber wenn dann der Alltag kommt, holt einem die Realität schnell ein“.

Aller Anfang ist schwer

Er habe kein einziges Wort deutsch gesprochen damals. „Bei den Proben ist das kein großes Problem, aber man muss ja auch hier leben.“ Außerdem stehe man plötzlich in einer Hauptrolle sechs, sieben Mal die Woche auf der Bühne, das sei schon eine enorme Belastung. „Da lernt man sich selbst sehr gut kennen – mit all seinen Schwächen und Stärken“. Etwa 18 Monate war der Musical-Darsteller in Stuttgart, danach zog er mit den Vampiren weiter nach Hamburg, wo er Alfred für weitere zwei Jahre spielte. „Nach so einer Rolle und einer so langen Zeit fragt man sich dann schon, wie das noch zu toppen sein soll.“

Neue Spielwiese am Theater für Niedersachsen

Es war ihm klar, dass er etwas anderes machen wollte und so zog es ihn nach Hildesheim, wo das neu gegründete bzw. fusionierte Theater für Niedersachsen gerade eine Musicalsparte aufbaute. Das habe ihn gereizt „Es war toll, denn auf dem Programm stand ein Mix aus neuen Stücken wie THE 25th ANNUAL PUTNAM COUNTY SPELLING BEE und Klassikern wie ON THE TOWN. Besonders geschätzt habe er die Möglichkeit, auch für ihn atypische Rollen spielen zu dürfen. „An einem kleineren Theater wird man eher auch für Charaktere besetzt, für die man sonst nicht gecastet werden würde, weil man nicht einem bestimmten Typ entspricht.

 Als Swing für vier Rollen zu KÖNIG DER LÖWEN

Nachdem er dort dreieinhalb Jahre lang alle möglichen größeren Rollen gespielt hatte, zog es ihn doch wieder zum Long-Run-Musical zurück. „Ich ging zu einer Audition für KÖNIG DER LÖWEN und wurde Walk-in Cover für drei Rollen. Nach einer Weile kam noch eine vierte Rolle hinzu. Da man als Walk-in Cover ja nicht immer spielt, habe er angefangen, auch hinter der Bühne zu helfen. „Ich habe die Probenplanung gemacht und solche Dinge.“ Irgendwann wurde er dann Assistant Resident Director. „Als der Künstlerische Leiter dann eine siebenmonatige Auszeit nehmen wollte, um an einem anderen Projekt zu arbeiten, bekam ich die Chance, ihn zu vertreten“

 Schleichender Wechsel hinter die Bühne

Zu dieser Zeit sei er bereits seit vier Jahren bei KÖNIG DER LÖWEN gewesen und es war das klare Ziel, dass er nach dieser Vertretungszeit nicht mehr in seine Aufgabe als Walk-in Cover zurückkehren würde, sondern eine eigene Resident Director-Stelle übernehmen solle. Und das Glück war einmal mehr auf seiner Seite, denn noch in dieser Zeit wurde die Künstlerische Leitung für TARZAN frei. „Ich hatte dann einige Interviews mit den Verantwortlichen von Stage Entertainment und auch mit Vertretern von DISNEY und am Ende bekam ich die Stelle.“ Er habe nicht geplant, den Wechsel hinter die Bühne so früh zu machen, aber es habe sich einfach so ergeben und „ich bereue das überhaupt nicht.“

 Zurück dorthin wo alles begann

Der Resident Director gehört normalerweise zum Theater, nicht zur jeweiligen Show. Nur in Ausnahmefällen, zum Beispiel bei Tour-Produktionen mit recht kurzen Aufenthalten in einzelnen Häusern, reist der Künstlerische Leiter mit. Für Fredrik Wickert heißt das, sein Arbeitsplatz ist das Stage Apollo Theater. Der Kreis schließt sich, er ist dorthin zurückgekehrt, wo er in Deutschland angefangen hat. Als TARZAN auszog, übernahm er die Verantwortung für MARY POPPINS und in wenigen Wochen wird er für DISNEY’S DER GLÖCKNER VON NOTRE DAME zuständig sein.

 Vertreter des Creative Teams vor Ort

Aber was gehört eigentlich alles zu den Aufgaben eines Künstlerischen Leiters? „Der Künstlerische Leiter oder Resident Director lernt quasi die Inszenierung vom Original-Creative Team während der Probenphase“. Danach müsse er dann dafür sorgen, dass die Show so bleibt wie bei der Premiere. „Das heißt mit den Coverbesetzungen oder auch bei einem Castwechsel müssen die Rollen genauso einstudiert werden, wie es das ursprüngliche Creative Team vorgegeben hat.“ Und wenn alle Darsteller in ihre Rollen eingewiesen sind? „Dann fällt es mir zu, ständig darauf zu achten, dass sich nicht allzu viel verändert.“

Vieles ist technisch vorgegeben und muss deswegen so bleiben

Es gäbe immer mal wieder die Situation, dass jemand mehr aus einer Rolle machen möchte oder versucht, den Charakter etwas zu verändern und das müsse man dann wieder einfangen. „Dafür ist es sehr wichtig, die erste Probenzeit mit dem Creative Team zu nutzen, um den Rahmen abzustecken. Denn ich muss später während der Laufzeit entscheiden, was noch akzeptabel ist und was nicht. Manche Veränderungen sind ja auch gut.“ Das sogenannte Blocking, also wer wann wo steht, müsse unbedingt bleiben, denn das sei ja alles durchdacht und sinnvoll. Oft gibt es dafür technische Gründe und es birgt Verletzungsgefahren, wenn solche Vorgaben nicht eingehalten werden.
Und dennoch sei es so, dass jeder Darsteller etwas Neues mitbringt, eine Rolle wird mit jedem der sie spielt anders. „Und auch die unterschiedlichen Kombinationen in den Besetzungen sind immer wieder spannend, zwischen verschiedenen Menschen entstehen unterschiedliche Energien.“

Bei Pannen muss man schnell Entscheidungen und Lösungen finden

Die Hochphase für einen Künstlerischen Leiter ist vor einer Premiere und bei einem Castwechsel. „Wenn die Show mal eingespielt ist, schaue ich zwei, dreimal die Woche zu und kontrolliere, ob noch alles so ist, wie es sein soll“. Allerdings gehört noch einiges mehr zu seinen Aufgaben. Der Resident Director ist auch der Abteilungsleiter für die Cast. „Das heißt ich bin zuständig für Personalthemen wie die Urlaubsplanung, die Abendbesetzung, Probenplanung, usw.“ Außerdem müsse immer entweder er oder der Dance Captain während einer Show im Theater sein, um bei Ausfällen in der Cast oder bei technischen Problemen zu entscheiden, wie es weitergeht. „Für viele Pannen gibt es einen vorgefertigten Plan B – aber eben nicht für alle.“ So müsse man zum Beispiel je nach Situation festlegen, ob ein Darsteller ersetzt wird oder ab welcher Stelle nach einer unfreiwilligen Pause wieder weitergemacht wird.

Es gibt keine Standard-Ausbildung für diesen Job

Lernen kann man das alles nur durch Erfahrung. Eine Ausbildung zum Künstlerischen Leiter oder einen festgelegten Weg dorthin gibt es nicht. „Es gibt einige wie mich, die vorher selbst auf der Bühne standen, aber auch einige, die aus dem Regiefach kommen.“ Man muss sich also sehr viel auf sein Bauchgefühl verlassen und eine gute Intuition mitbringen sowie ein Gespür für die Menschen und fürs Geschichtenerzählen.

„Das Singen fehlt mir hin und wieder“

Und genau das begeistert Fredrik Wickerts an seinem Job. „Ich stehe zwar nicht mehr selbst auf der Bühne, aber ich kann immer noch Geschichten erzählen.“ Das sei ihm sehr wichtig. Das Singen vermisse er zwar ab und zu, aber man wisse ja nie, was im Leben noch so alles kommt. „Am Anfang habe ich mir noch manchmal einen freien Proberaum gesucht und habe einfach nur für mich gesungen. Inzwischen habe ich dafür aber keine Zeit mehr.“ Was er ebenfalls vermisse sei „nicht mehr wirklich ein Teil der Gruppe zu sein.“ Dennoch sei er sehr froh, sich so entschieden zu haben. „Als Darsteller muss man sich sehr viel mit sich und seinem Körper beschäftigen. Und man muss immer schauen, wie es weitergeht.“ Jetzt könne er mehr seinen Kopf als seinen Körper nutzen. Außerdem liebe er es, mit Menschen zu arbeiten. „Ich bin jetzt Trainer statt Spieler.“

Wenn aus Individuen eine Mannschaft wird

Erfolge seien für ihn nun, „wenn jemand dank mir versteht, um was es bei einer Rolle geht oder wenn ein Darsteller sich voll in seine Rolle reinwirft“. Seine Arbeit habe sehr viel mit Vertrauen zu tun. Wenn aus Einzelpersonen ein Ensemble wird und am Ende alles zusammenpasst, dann sei er sehr stolz auf seine Mannschaft.

Die nächste Herausforderung steht schon vor der Tür

In den nächsten Monaten wird er wieder Gelegenheit haben, ein schlagkräftiges Team zu formen. Die Proben für DISNEY’S DER GLÖCKNER VON NOTRE DAME werden noch parallel zum Spielbetrieb von MARY POPPINS beginnen. „Die neuen Darsteller beginnen auf der Probebühne. Nach Spielende in München kommen dann diejenigen dazu, die aus der alten Cast mit nach Stuttgart wechseln.“ Die Besetzungen wolle man seines Wissens im Dezember bekannt geben. Nach dem Auszug von MARY POPPINS gibt es dann eine dreiwöchige Pause für Bühnenumbau und Proben. Aktuell wird auch ein Pool von Chorsängern gecastet. „Wir brauchen in jeder Show 24 Chorsänger, in Summe werden wir aber etwa 150 Sänger haben, auf die wir zurückgreifen können.“

„Freundlich, offen, ansprechbar“

Langweilig wird es Fredrik Wickerts in nächster Zeit sicher nicht. Umso mehr freuen wir uns, dass er sich vor dem großen Wechsel noch Zeit für dieses ausführliche Interview genommen hat. Wir konnten uns nur einen kleinen Eindruck von ihm machen, aber was würden die Menschen über ihn sagen, die täglich mit ihm arbeiten? „Ich denke, sie würden sagen ich sei freundlich und offen. Und ich hoffe, dass sie auch sagen, dass ich immer ein offenes Ohr für sie und ihre Sorgen und Nöte habe.“
Wir würden das noch ergänzen um „ehrgeizig“ – denn sein Mut von einst ohne jegliche Deutschkenntnisse nach Stuttgart zu kommen, hat sich für ihn nicht nur beruflich ausgezahlt – die Sprache beherrscht er inzwischen akzentfrei!

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