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If you like it or not: HEDWIG! – Michael Kargus gibt die Diva

Am vergangenen Freitag präsentierte Off-Musical Frankfiurt die Premiere des Rock-Musicals HEDWIG AND THE ANGRY INCH in der Brotfabrik in Frankfurt-Hausen. Das Stück erfüllt alle Kriterien, die sich die neuen Musical-Macher aus der Mainmetropole auf die Fahne geschrieben haben.

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Hedwig Promotion-Aufnahme
Hedwig Promotion-Aufnahme © Agnes Wiener / Niklas Wagner

Off-Musical Frankfurt startet mit HEDWIG AND THE ANGRY INCH

Off-Musical Frankfurt ist eine ganz neue, junge Produktionsfirma, die es sich zum Ziel gesetzt hat, “überraschend anders” zu sein. Sie wollen nicht die xte Version des Gleichen bringen, sondern dazu beitragen, dass neue oder selten gespielte Musicals auf deutsche Bühnen kommen. Und sie wollen zeigen, dass Musical nicht „anspruchslos, kitschig und reine Geldmacherei“ sind. Martina Pundt und Stephan Huber wollen innovative Stücke an unkonventionellen Orten zu fairen Preisen anbieten. Das ist aller Ehren wert.

Kleines Musical-Juwel

Den Start machten sie nun mit HEDWIG AND THE ANGRY INCH. Einem kleinen Juwel, das tatsächlich viel zu selten bei uns zu sehen ist. Und das, obwohl es in den USA seit seiner Uraufführung 1998 einen Siegeszug von einer kleinen Off-Broadway-Show bis zum vierfachen Tony-Award-Winner in 2014 hingelegt hat.

Logo HedwigFrankfurt

Presselogo Hedwig

Theater mit Wohnzimmer-Atmosphäre

Gut, HEDWIG ist nichts für schwache Nerven und es funktioniert eher nicht an großen Bühnen. Off-Musical Frankfurt hat mit der Brotfabrik in Hausen eine Location gefunden, die ebenso unkonventionell ist wie das Stück selbst. Es ist ein wirklich kleiner Raum mit einer ebenso kleinen Bühne, die mit der fünfköpfigen Band und zwei Darstellern wirklich voll ist. Man macht sich Sorgen, dass jeden Moment jemand über die vielen Kabel auf der Bühne stürzt oder irgendetwas umreißt. Vor allem, wenn man die mörderisch hohen Schuhe von Hedwig-Darsteller Michael Kargus sieht. Das Theater bietet Wohnzimmer-Atmosphäre was die Intimität angeht, allerdings ist es nicht ganz so gemütlich, der (nicht immer freiwillige) Kuschelfaktor mit dem Nachbarn ist eher der Enge geschuldet.

Bekannte Namen haben die Messlatte gesetzt

Michael Kargus, geborener Frankfurter, tritt in große Fußstapfen. Autor John Cameron Mitchel spielte die Rolle bei der Uraufführung und auch in der späteren Verfilmung von 2001 selbst. Drew Sarich war wohl einer der ersten Hedwigs in Deutschland und verkörperte die Rolle bereits 2002 in Berlin. Andreas Bieber spielte sie 2006 in Wien und dieses Jahr in Kassel. Neil Patrick Harris übernahm den Part bei der Broadway-Premiere 2014 und wurde dafür mit einem Tony als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet. Die Messlatte liegt hoch.

Michael Kargus

© Agnes Wiener / Niklas Wagner

Keine Schonzeit für die Darsteller

Und die Rolle ist anspruchsvoll. HEDWIG AND THE ANGRY INCH ist ein Zwei-Personen-Stück, in dem die zweite Person – Hedwigs Ehemann Yitzhak – allerdings kaum etwas zu sagen hat. Hedwig hält mehr oder weniger einen gut eineinhalbstündigen Monolog. Eine Pause gibt es nicht. Von den elf Songs des Stücks singt sie zehn. Es ist eine emotionale und körperliche Tour de Force.

Von Hansel zu Hedwig und zurück

Hedwig, als Hansel Schmidt in Ost-Berlin aufgewachsen, lernt einen amerikanischen GI kennen und wird für ihn zu Hedwig. Mit aller Konsequenz. Denn „man muss etwas zurücklassen, wenn man weitergeht“. Das ist der Preis, den er zahlt, um mit nach USA gehen zu können. Bei der Geschlechtsumwandlung geht jedoch etwas schief und so bleibt ein „angry inch“, eine zweieinhalb Zentimeter großer Fleischwulst, zurück. Hedwig ist somit weder Mann noch Frau, sondern ein Kunstwesen irgendwo dazwischen. Die Ehe hält nicht, verlassen von ihrem GI lebt sie in einem Trailerpark und lernt den jungen Tommy kennen. Sie machen zusammen Musik, schreiben Songs, aber Tommy kann Hedwig nicht lieben. Hedwig zieht weiter und heiratet Yitzhak mit dem sie eine seltsame Hassliebe verbindet. Tommy wird mit den gemeinsamen Songs über Nacht zum Star. Hedwig und Yitzhak reisen ihm auf seiner Welttournee nach und landen dabei in Frankfurt, wo er ein Stadion-Konzert gibt und Hedwig mit ihrer Band zeitgleich in Hausen auftritt und ihre traurige Geschichte erzählt.

Kammerspiel mit Musik

Michael Kargus und Thomas Helmut Heep haben die deutschen Zwischentexte lokal angepasst, was noch mehr Nähe zum Publikum schafft. Das Stück ist ein Kammerspiel, der Zuschauer kann Hedwig beobachten, wie sie ihr Leben in all seiner Tragik noch einmal durchlebt und sich am Ende doch endlich selbst findet. Bis es soweit ist, teilt sie mit dem Publikum schonungslos die Details ihrer Kindheit und ihrer diversen Beziehungen. Schamlos, frech, direkt, verletzend und zugleich tief verletzt und zerbrechlich.

Michael Kargus im Spiegel

© Agnes Wiener / Niklas Wagner

Musik von Rock über Country bis Punk

Die Texte sind eingebettet in elf fantastische Songs, die von Rock bis Punk reichen. Mit dem rockigen „Tear me down“ vergleicht Hedwig sich mit der Berliner Mauer, die ebenso niedergerissen werden musste wie sie. In „Wie die Liebe entstand“ („The origin of love“) erzählt sie wie ihre Mutter ihr erklärte, Mann und Frau seien einst gewaltsam getrennt worden und seitdem sucht jeder genau den einen Partner, dem er entrissen worden ist, um wieder eins zu werden. Das Kennenlernen mit ihrem GI beschreibt sie in dem Country-lastigen „Sugar Daddy“. Der Soldat hatte ihm, Hansel, immer wieder amerikanische Süßigkeiten mitgebracht und ihn so geködert. Die missglückte Operation und deren Ergebnis wird in dem auch musikalisch wütenden „Angry inch“ verarbeitet. Ruhigere und poppigere Töne gibt es bei dem fantastischen „Wig in a box“ in dem Hedwig beschreibt, wie sie sich aufbrezelt und laut Musik hört, wenn es ihr schlecht geht.

Am Ende ist jeder wieder was er ist

„Unterm Strich“ („The long grift“) ist der einzige Song, der von Yitzhak alleine gesungen wird. Er springt ein, weil Hedwig unterbrechen muss, da ihre Gefühle sie übermannen. Deutlich härter wird es wieder bei „Exquisite corps“ einem fast schon punkrockigen Duett der beiden. Die Reprise von „Wicked little town“ singt Hedwig am Boden liegend, bevor sie mit „Midnight Radio“ quasi wie Phoenix aus der Asche steigt – nackt bis auf die Unterhose, abgeschminkt und ohne Perücke. Diese gibt sie an Yitzhak, der vor der Hochzeit versprechen musste, nie mehr als Dragqueen aufzutreten, da Hedwig keine Konkurrenz duldete. Er ist sichtlich bewegt von Hedwigs Geste, zieht seine Mütze vom Kopf und die Perücke auf. Die Geschlechterrollen sind nun quasi vertauscht und beide haben zu ihrem wahren Ich zurück- und dadurch auch wieder zusammengefunden.

Kathrin Hanak als Yiztak

© Agnes Wiener / Niklas Wagner

Das Beste kommt zum Schluss

Michael Kargus‘ Stimmfarbe passt sehr gut zu Hedwig und er meistert die Songs mühelos. Es mag der Premiere geschuldet sein, dass er dennoch fast bis zum Schluss angespannt wirkt. Besonders deutlich wird dies am Ende, wenn er nach Hedwigs Metamorphose (gefühlvoll und nachvollziehbar gespielt) tatsächlich wie befreit aufsteht und mit Midnight Radio den stärksten Auftritt des Abends hinlegt.

Kathrin Hanak ist ihm eine kongeniale Partnerin, die ihre Chance nutzt und mit ihrem einzigen Solo-Song zeigt, was sie kann.

Hedwig wird alternierend von Lukas Witzel gespielt, der damit sein professionelles Rollendebut gibt.

Band mit Rockstar-Attitude

Die Band um den musikalischen Leiter und Pianisten Dean Wilmington lungert stilecht auf der Bühne herum und übt sich in Rockerposen. Jonas Wiesner an der Gitarre, Sebastian Muhl am Bass und Sebastian Michaeli am Schlagzeug haben sichtlich Spaß an der Musik von Stephen Trask. Die Inszenierung von Thomas Helmut Heep und die Ausstattung von Lori Casagrande sind stimmig und unterstreichen die Verwandlung, die Hedwig im Laufe des Abends durchlebt.

Michael Kargus als Hedwig

© Agnes Wiener / Niklas Wagner

Unser Fazit

Ein kleiner Wermutstropfen ist der nicht ganz schlüssige Sprachmix. Während die Zwischentexte (sinnvollerweise) alle in deutscher Sprache sind, wurden die Songs teils englisch, teils deutsch gesungen. Deutsche Zwischentexte und englische Songs wären aus unserer Sicht völlig in Ordnung.

Wer gutes Musical abseits der großen Bühnen sehen möchte, sollte sich HEDWIG AND THE ANGRY INCH anschauen. Und Off-Musical Frankfurt weiter im Auge behalten. Die nächste Produktion ist bereits für Januar 2018 angekündigt. Dann steht Green Days „American Idiot“ auf dem Programm.

Tickets für HEDWIG gibt es hier
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Kategorie: Kritiken

Autor: M. Kanz (24.09.2017)

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